Die Abendsonne wirft ihr letztes Licht auf zwei Legionäre, die nebeneinander stehen.“Ich mein, weißt du, was ich meine? Das hier ist schon ruhiger, wir schlafen in echten Häusern und haben auch immer unsere Verpflegung, aber irgendwie fühlt sich das schon ein wenig schäbig an! Es stimmt schon, das ewige Marschieren brauch ich eh nicht, kannst du dich damals erinnern, als wir da vor ein paar Jahren in Germanien waren, gegen die Marser oder waren es die Brukterer, keine Ahnung, ich konnte die nie auseinanderhalten. Waren ja alles Wilde! Ein Dorf kleiner und verdreckter als das andere. Wo wir da Tage oder gar Wochenlang durch den Wald gehatscht sind. Hätte ich keine Sandalen getragen, hätte das Blut aus meinen Blasen sicher meine Füße für immer Rot gefärbt. Stell dir die Blicke vor, wir kommen zurück nach Rom und können jeden Kameraden daran erkennen, ob seine Füße rot sind. Witziger Gedanke, wie auch immer! Das Marschieren ist ja gar nicht das, was mir fehlt, aber damals im Norden, da hatten wir halt noch irgendwie Feinde. Also so echte Feinde. Verstehst du was ich meine! Da marschierst du zwar stundenlang durch den nassen, dunklen, kalten Wald, aber dann bekommst du wenigstens eine Feldschlacht. Aber hier? Nichts als Sand, heiße Luft und Leute, die dich eindeutig hier nicht haben wollen. Aber weil du ihre Streitkräfte schon geschlagen und ihre Bevölkerung massakriert hast, können sie sich eh gar nicht wehren, höchstens aus dem Hinterhalt. Also was machst du den ganzen Tag Gaius? Richtig, du stehst irgendwo Wache, patrouillierst durch die Gegend oder beaufsichtigst irgendeine Hinrichtung oder zwei. Besäufst dich mit deinem geringen Sold in irgendeiner runtergekommen Spelunke mit billigen Wein und wünschstest, du wärst in der Schule noch schlechter gewesen, damit du nicht jeden Tag zählen könntest, bis dein ganzer Scheiß-Dienst endlich vorbei ist und du zurück nach Rom kannst. Jetzt mal ehrlich Gaius, hast du dir das so vorgestellt? Als unsere Ausbildung losging, wollte ich eigentlich nur direkt in die Schlacht, um große Heldentaten im Namen unser aller Mutter, Rom, zu erringen. Dann standen wir Seite an Seite in der Schildkröte im Schlachtengetümmel und das einzige was ich wollte ist an einen ruhigen Ort zu kommen, und jetzt, jetzt bin ich an diesem Ort und eigentlich will ich die ganze Zeit nur zurück nach Rom, zurück zu Julia, was täte ich um wieder in den Schulbank zu sitzen und Julia dabei zuzuschauen, wie sie den Magister vollstrebert oder mit dir übers Forum zu ziehen. Ich will eigentlich nur in Ruhe und Frieden, mit meinen Freunden bei einem guten, ach was, scheiß aufs Gut, bei einem akzeptablen Becher Wein sitzen und ein wenig das Leben genießen. Aber stattdessen stehe ich noch weitere 7 Jahre, 3 Monate, 2 Wochen und 6 Tage in dieser schweren Rüstung in der heißen Sonne und verbreite den Ruhm Roms. Hoffentlich wenigstens an deiner Seite Gaius! Aber jetzt ist es wenigstens gleich Abends, Befehl aus dem Lager ist es den armen Kreaturen da oben auf den Kreuzen die Beine zu zerschlagen, damit sie es hinter sich haben, aber vergiss den Mittleren, der ist schon hin!”
Autor: Sluki
Eddi, Huscarl im Ruhestand
Die salzige Meeresluft, die vom starken Wind bis zu ihnen ins Dorf getragen wurde, brachte auch die Rufe und Schreie mit sich. Einer der Fischer unten an der Küste hatte es als Erstes entdeckt und die Panik in seiner Stimme ließ keinen Zweifel an seiner Nachricht zu. “Segel am Horizont”, obwohl die Worte selber so harmlos waren, wusste jeder im Dorf, was sie bedeuteten. Die letzten Wochen und Monate waren mit den reisenden Händlern auch allerlei Schreckensbotschaften zum Dorf gekommen. Geplünderte Städte, niedergebrannte Abteien, ganze Dörfer ausgerottet, die starken Männer erschlagen, der Rest versklavt. Und jetzt zeigten sich auch an ihrem Horizont vor der Küste zwei gestreifte Segel, die im vollen Wind liegend schnell auf ihre Küste zu fuhren.
Eddi trat aus dem warmen Grubenhaus hinaus ins Freie und ließ seinen Blick über den wolkenverhangenen Himmel schweifen, während er seinen Mantel schloss. Da entdeckte er die windgefüllten Segel, die sich gegen das dunkelgrau der Wolken abhebten und beständig größer wurden. Die Erinnerungen an die vergangenen Schlachten gegen diese nordischen Bestien ließen sein Gesicht im Grimm erstarren. “Lynn, bring mir mein Kettenhemd und die Axt und sag unseren Kindern, sie sollen alle im Dorf in die Wälder führen, beeilt euch, sie landen gleich!” Wortlos reichte ihm seine Frau das schwere Kettenhemd. Hell blitzend hoben sich die Ringe gegen die anderen leicht rostigen ab, die auf seiner linken Flanke lagen. Schmerzvoll erinnerte sich Eddi an den Speer, der damals durch seine Rüstung und in seinen Bauch gedrungen war. Doch dafür war jetzt keine Zeit. Gerade als er mit seinem Kopf durchgeschlupft war, sah er seinen ältesten Sohn aus dem Haus rennen, in der Hand einen Sack mit den wichtigsten und wertvollsten Sachen. Er schnappte ihn sich und nahm ihm den Beutel aus der Hand. “Hör mir zu Junge!” Seine Hand lag in des Jungen Genick. “Du nimmst mein Pferd und reitest in die Stadt, nimm die Küstenstraße und reite so schnell du kannst! Sag dem Ealdorman, dass es nur zwei Schiffe sind und wenn sie sich beeilen, dann können sie sowohl unser Gehöft als auch die anderen hier retten. Ich werde sie aufhalten solange ich kann! Hast du das verstanden?” “Ja, Vater, aber…!” erklang die zitternde Stimme seines ältesten Sohnes. Er hatte noch nichtmal ein Barthaar am Kinn. “Nichts aber! Du nimmst jetzt mein Pferd und reitest!” Sein Sohn nickte und schluckte schwer. Eddi zog ihn zu sich heran und küsste seine Stirn. Dann ließ er ihn los. “Hätte ich nur früher mit dem Krieger sein aufgehört und mit dem Vater sein angefangen!” dachte Eddi. „Dann müsstest du nicht in so jungen Jahren deinen Vater ersetzen.”
Diese Gedanken wegwischend zog er seinen Gürtel enger und montierte das Gehänge seiner Axt daran. Wortlos nahm er das Schwert aus den Händen seiner Frau. Tapfer versuchte sie ein Lächeln auf ihr angst gezeichnetes Gesicht zu zaubern. “Bitte Eddi, komm mit, wir haben Zeit, lass uns in den Wald fliehen!” erklang ihre Stimme. Diese engelsgleiche Stimme. Seit er sie zum ersten Mal gehört hatte, konnte und wollte er sie nicht vergessen. Mit kalter Stimme, sich zu eigener Härte zwingend erwiderte er: “Wenn sie hier alles niederbrennen, dann überleben wir den Winter nicht und wir alle, unsere Nachbarn, unsere Kinder verhungern oder erfrieren!” Stumm nickend mit Tränen in den Augen wandte sich Lynn ab. Sie ergriff das Bündel, das ihr ältester Sohn zusammengepackt hatte. Wie verloren, ganz alleine stand Eddi da, sein alter Körper niedergedrückt durch das schwere Hemd, aber ungebrochen, sein graues Haar im Wind wehend. Er drehte sich zu Lynn um, die gerade am Zaun angekommen war, der ihr kleines Gehöft umgab. “Lynn!” hallte seine tiefe aber warme Stimme zu ihr. Sie drehte sich um. “Ich…!” setzt er an. “Ich weiß!” entgegnete sie. “Und ich…!” erneut versagte ihm die Stimme. “Ich weiß!” sagte sie lächelnd. Tränen rannen über seine Wangen und flossen die tiefen Falten entlang die sein Leben in seinem Gesicht gezeichnet hatte. “Und….” er schluckte. “Ich…!” Sie schaute ihn an, ebenfalls mit Tränen in den Augen. “Ich dich auch, habe ich immer und werde ich immer!” Einen Augenblick nur badete er in ihrem Blick, weidete er sich an ihrer Schönheit, dann zogen ihn die tiefen, kehligen Stimmen, die vom Strand herauf riefen, wieder in die Realität und er wendete sich ab.
Wie sehr hatte er sich gewünscht, dass er diese Sprache nicht mehr hören musste. “Als erstes brennen und plündern wir den Hof da oben an der Klippe und dann holen wir uns die Feiglinge die in den Wald geflüchtet sind!” hörte er die höhnische siegessichere Stimme des Anführers. Eddi nahm den Schild, der neben ihm an der Wand seines Zuhauses lehnte, und ging auf den Weg zu, der in Richtung Strand führte. Langsamen aber festen Schrittes schritt er der Stimmen entgegen. Er blickte hinab auf den Strand auf dem sich gerade gut 20 dieser Plünderer daran machten den kleinen Aufstieg, der direkt zu ihm führte, hinaufzusteigen. Kaum das der erste von ihnen den Kopf über die Klippenkante streckte, trat ihm Eddi auch schon mit aller Kraft ins Gesicht. “Verpisst euch von hier!” brüllte er mit starkem Akzent in ihrer Sprache ihnen entgegen. Das aufkommende Stimmengewirr und Gebrüll bezeugte den Erfolg seiner Überraschung. Abwartend versteckte sich Eddi hinter seinem Schild, doch als gleich darauf wieder eine Hand erschien, die sich versuchte an einem Büschel Gras festzuhalten um sich über die Klippe zu hieven, ließ Eddi sein Schwert sprechen und tauchte es zum Ersten Mal seit so langer Zeit in rotes Blut. Schmerzensschreie folgten erneut und genaueres konnte Eddi nicht verstehen, aber es schien, als würden sich diese Barbaren nach einem anderen Aufstieg umschauen, so viel hatte er verstanden. “Das gibt mir kostbare Zeit!” dachte er sich triumphierend und trat mit aller Kraft gegen einen der größeren Steine, auf dem er Malereien seiner Kinder entdecken konnte. Mit einem Lächeln im Gesicht sah er wie der Stein über die Kante nach unten kippte und bei den Angreifern wohl endgültig für neue Pläne sorgte. Eddis Blick wanderte die Klippe entlang, den schmalen Streifen, auf dem das Getreide wuchs, auf dem wenig fruchtbaren Ackerland, das sie dieser Ödnis hier abgewinnen konnten. Hier ließ es sich nicht im Überfluss leben, aber dafür waren sie von den Plünderungen verschont geblieben, zumindest bis heute. Er schritt den breiten Weg entlang, den er und seine Familie ausgetreten hatten, seitdem sie sich hier niedergelassen hatten. Der sich vorne aufgabelte und zum Strand als auch zur nächstgrößeren Siedlung führte. Vielleicht hätten sie sich dort niederlassen sollen, die Abgeschiedenheit und Ruhe der letzten Jahre rächte sich jetzt.
Er nahm das Schwert in die Hand, an der er seinen Schild festgebunden hatte, und fuhr mit der Hand durch die Getreideähren. Noch zwei Wochen und sie wären zur Ernte bereit gewesen. Fast liebevoll streichte er über die sattgoldenen, zarten Pflanzen, die seiner Familie Nahrung und ein wenig Wohlstand gaben. Da sah er sie in voller Pracht. Ein gutes dutzend Männer, mit langen geflochtenen Haaren, in kunstvoller Leder und Pelzrüstung. In ihren Händen allerlei Mordsgerät. In erster Reihe schritt ein Hüne von einem Mann, der Oberkörper nackt, eine riesige Axt über seine Schultern gelegt. Einige Meter von Eddi entfernt blieb er stehen. “Du bist alles? Hatten die anderen zu viel Schiss?” sagte er höhnisch, begleitet vom Gelächter seiner Meute. “Für den da hats gereicht!” sage Eddi grinsend und deutete auf einen der Nordischen, dem frisches Blut aus einer zerdrückten Nase floss.
Der Hüne blickte ihn mit zornigem, irren Blick an. “Ich gebe dir einen Vorsprung, wenn du jetzt wegläufst!” sagte er. Eddi hob nur den Schild vor seine Brust und deutete mit seiner Schwertspitze auf den Mann. Dieser grinste teuflisch und hob die Axt von seiner Schultern, nicht ohne seine Muskeln spielen zu lassen. Mit einem markerschütternden Brüllen ließ er die Axt mit aller Kraft nach unten sausen, als wollte er Eddi wie einen Holzklotz spalten. Der schaffte es gerade noch zur Seite auszuweichen und wollte nun seinerseits mit dem Schwert zum Schlag ausholen, doch noch bevor er nah genug dran war und sein Schwert erhoben hatte trat auch schon sein Gegner mit aller Kraft gegen seinen Schild und Eddi wurde nach hinten gestoßen und landete am Boden.
“Na komm, alter Mann! Das wird doch nicht alles gewesen sein, oder?” lachte ihn dieser Riese aus. Eddi erhob sich, kam mit zitternden Knien wieder zum Stehen. Die vielen Jahre als Soldat, es fühlte sich an als würde er jede kleine Verletzung spüren, die er erlitten hatte, die letzten Jahre als Bauer und dieses Kettenhemd…Wann war er eigentlich so schwach geworden, dass ihn das so ermüdete, hatte er es doch früher wie eine zweite Haut getragen.
Doch es half alles nichts. Er sammelte all seine Kraft und holte zum Schwung aus und tatsächlich, seine Schwertspitze erreichte sein Gegenüber und schnitt über dessen Brust und Oberarm, doch nicht tief und gerade als Eddi sich über den Triumph freute, sah und spürte er wie ihn die Axt seitlich genau auf den Schild traf. Eddi stürzte zu Boden, er hörte etwas Knacken und Krachen und das war nicht nur sein Schild, der zerbrochen an einem Lederriemen von seinem Arm hing. Es war auch sein Arm, der an wenigen Muskelfasern noch an seiner Schulter hing. Die Schmerzen durften jetzt nicht überhand nehmen, dachte sich Eddi, ließ sein Schwert fallen und stürzte sich auf den Hünen, während er mit seiner intakten Hand den Dolch zog und zum Stoß ansetzte. Doch soweit kam es nicht, denn der Mann packte ihn mit der einen Hand am Hals und mit der anderen Hand an der seinen und drehte den Dolch jetzt gegen Eddi. Langsam spürte Eddi, wie sich die Spitze durch sein Kettenhemd bohrte.
“Du alter Narr!” brüllte ihm der Anführer dieser Plünderer entgegen. “Hast du wirklich gedacht du kannst mich umbringen? Hast du wirklich geglaubt du überlebst das hier?” Eddis Blick schweifte zur Seite, vorbei an dem wütenden Gesicht, vorbei an seiner Meute hin zu der Stelle wo der Weg in den Wald zum Dorf abbiegt. Und genau dort fiel sein Blick auf eine Gruppe Reiter mit Fußschar die sich auf ihn zubewegte, während sich der Dolch tief zwischen seine Rippen bohrte.
Eddi grinste während ihm das Blut über die Lippen ran. “Euch hinzuhalten war das Ziel, es zu überleben, wäre reiner Luxus gewesen!”
Matthias, Söldner
Das Kreischen der Krähen, das lautstark über die trostlose Weide hallte, ließ Matthias aufschrecken. Mit einem tiefen Atemzug füllten sich seine Lungen erstmals wieder bis zur Gänze und seine Angst geweiteten Augen starrten hinaus in das Dunkel der Nacht. Ein starkes, feuchtes Husten war die Folge und wahrscheinlich auch der Grund, warum er in seiner Ohnmacht nur so flach geatmet hatte. Das tiefschwarze Gefieder der Krähe vor ihm hob sich nur marginal ab von dem wolkenverhangenen sternenlosen Himmel über ihm. Die Anwesenheit dieser eigentlich so graziösen Vögel ließ vermuten, dass deren ständiger Begleiter ebenfalls gerade hier auf dem Schlachtfeld unterwegs war. Er versuchte, sich aufzurichten, doch so wirklich gelang es ihm nicht. Sein rechter Arm steckte fest zwischen 2 Leichen, die sich im Todeskampf ineinander verkeilt hatten. Erschöpft gab er auf, als auch kein Rütteln und Ziehen daran etwas geändert hatten. Mit zitternden Fingern löste er sein Helmband und ließ den Kopf hängen bis der schwere, verbeulte Helm von seinem Haupt rutschte und scheppernd über seinen zerschlagenen Brustpanzer zu Boden fiel. Aufgescheucht stoben mehrere Krähen in den Himmel, die sich gerade in seiner Nähe an denen gelabt hatten, die ihren inneren Kampf schon verloren hatten.
So langsam kehrte das Gefühl in seine tauben Glieder zurück. Er spürte die Kälte, die sich in seinen Blut und Schweiß getränkten Kleidern eingenistet hatte. Der junge Mann lag da, starrte in den Himmel und genoss die Ruhe. Sie schien so fremd und ungewohnt. Nach den Stunden des Lärms, des Klirren der aufeinander prallenden Waffen und Rüstungen, des Brüllen seines Kommandanten, der versuchte Ordnung in den Haufen seiner Meute zu bekommen und der Schreien und des Stöhnens der Verwundeten, da war diese ruhige Nacht, die nur selten dem Krächzen der Krähen erfüllt wurde, geradezu Weltfremd. Die Wolken hatten sich ein wenig verteilt und sanft tauchte der große Mond alles in ein zärtliches, aber kaltes, blaues Licht.
Matthias bemerkte einen Schatten, der sich von hinten näherte und eine große, hagere Gestalt stand neben ihm und beugte sich zu ihm herab. In der einen Hand hielt sie eine große Sense, mit der anderen strich sie sanft über Matthias Gesicht. Die Berührung ihrer knochigen, langen Finger hinterließen ein Gefühl der Kälte. “Nein, bitte…..!” flüsterte Matthias voller Angst. “Das kann es doch noch nicht gewesen sein.” Die Gestalt erhob sich und stand nun in aller Größe vor ihm. Hinter ihr das Mondlicht, das ihre schwarze Silhouette umspielte. Würde Matthias nicht in einem Meer aus Leichen liegen, in seinem eigenen Blut schwimmend, dann hätte er diese Erscheinung vielleicht für einen Engel gehalten. “Ich kann noch nicht, …ich habe noch so viel, das ich tun muss!” Ruhig nahm die Gestalt einen von Matthias gefallenen Kameraden, der über das Pferd gebeugt dalag und zog ihn fast lautlos hinunter und ließ sich auf dem Pferdekadaver nieder. Wie auf einem Thron saß er da und wandte sich wieder Matthias zu.
„Bitte…Ich weiß, dass ich es nicht verdient habe, aber ich muss es wiedergutmachen. Es hätte ja meine letzte Schlacht sein sollen, direkt danach wollte ich wieder heimkehren.” Wortlos saß die Gestalt da und starrte ihm entgegen. “Diesmal wirklich, ich weiß, dass habe ich schon öfter gesagt und noch öfter in den Briefen geschrieben, die ich nach Hause geschickt habe. Ich wollte wirklich aufhören und versuchen, ein besserer Mann und Vater zu sein. Aber hier, hier war ich ich. Glaubst du, ich will so sein? Dieses Monster in mir, bei jeder Kleinigkeit zu fürchten, dass es ausbricht und ich nicht mehr kontrollieren kann. Aber hier, hier haben meine Schläge wenigstens Leute getroffen, die es verdient haben und ich habe daran verdient.” Eine Krähe ließ sich auf der Schulter der Gestalt nieder. “Aber zuhause, als ob meine Frau und Kinder nicht gewusst hätten, dass mir das schwerfällt. Sie haben mich ja immer wieder erzürnt. Ich wollte das doch nicht! Aber immer wieder haben sie mich dazu getrieben. Aber jetzt werde ich alles ändern. Bitte! Ich werde den Schlachten den Rücken und nach Hause zurückkehren. Und ich werde mich ändern und meine Familie aufpassen und dann werde ich das Monster in mir auch bändigen.”
Die Gestalt erhob sich. “Bitte, lass mich das wieder gut machen. Lass mich dafür sorgen, dass es meiner Familie gut geht.” Die Gestalt kniete sich neben Matthias und legte sanft ihre Hand auf seine Stirn. “Dafür sorge ich gerade!” hörte Matthias, bevor die Hand seine Augen für immer schloss.
Jack, Privatdetektiv
Sanft gleiten die Eiswürfel an der Glasinnenseite entlang. Ich spüre die Kälte inzwischen schon an meinen Fingern, wenn ich jetzt noch länger warte, dann ist mein Whiskey endgültig verwässert. Gedankenverloren nehme ich einen Schluck. Das altbekannte Brennen in meiner Kehle passt zu dem Brennen in meiner Brust. Dieses Brennen, das mich nicht mehr loslässt. Der kleine Billy Brosner, immer noch vermisst, weil ich diesen Fall nicht lösen konnte. Starr blicke ich auf die Unterlagen auf meinem Schreibtisch, als könnte ich sie mit meinem Blick zwingen mir ihr Geheimnis zu verraten. Ich spüre den Zorn in mir brodeln, die Wut in mir aufsteigen, die Enttäuschung über mich selber, über mein Eigenes Versagen. Ich schlucke alles mit einem Schluck Whiskey runter. Beim Dritten klappt es sogar. „Na los, WO IST BILLY!“ möchte ich die Zeitungsausschnitte, Befragungsnotizen und geklaute Privatkorrespondenz anschreien, die ich in den letzten Tagen und Wochen zusammen gesammelt habe. Stattdessen hebe ich meinen Kopf, lasse das Whiskeyglas in meiner Schreibtischschublade verschwinden und spreche möglichst gefasster Stimme „Herein!“. Da klopft es an der Tür, aber meinem geschulten Auge ist der Schatten vor dem Spalt unter der Tür natürlich nicht entgangen. Die Tür öffnet sich und ein kleiner Junge steht mit verweinten Augen im Eingang zu meinem kleinen, schäbigen Büro. Er schnieft laut und kommt hinein. Als er in den Lichtkreis meiner Lampe kommt erkenne ich seine rot geweinten Augen. „Bitte, Mister, Billy war mein bester Freund, ich habe von meiner Omi zu meinem Geburtstag einen ganzen Dollar bekommen, den gebe ich ihnen, wenn sie ihn wiederfinden.“ Ich hätte auf meine Schwester hören sollen als sie mir damals sagte „Scheiß auf den großen Schreibtisch und die Goldenen Lettern an deiner Tür, wenn du ein Büro hast, brauchst du eine Sekretärin!“ Dann würden mir solche emotionalen Momente erspart bleiben, die könnte solche Leute abfangen, bevor sie zu mir kommen. „Hier, das hat mir Billy geschenkt, kurz bevor er verschwand!“ Der kleine Junge reicht mir eine Zeichnung. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich selber ein großer Künstler wäre, aber dieses Gekritzel ist ja wohl wirklich schirch. Ich bedanke mich bei dem Kleinen und setze ihn nett aber bestimmt vor die Tür. Dann widme ich mich der Zeichnung. Vor der Tür höre ich ein Schluchzen. Na gut, vielleicht war ich doch etwas bestimmter als netter.
Beim Schreibtisch angekommen hole ich mein Whiskeyglas hervor und schenke mir ein. Dann inspiziere ich die Zeichnung genauer. Also bei dem was ich da sehe, da würden sich selbst Eltern schwer tun, beim Lügen, ob der Qualität der Zeichnung. Das große Schwarze könnte ein Haus sein, und dieser graue Fleck direkt drüber könnte eine Statue sein. Wirkt fast wie eine dieser Fledermausdekostatuetten wie die im alten Hiller-Haus, das seit Jahren leer steht. Ich blicke auf die Uhr. 17:29. Da könnte ich heute noch schnell vorbeifahren, bevor ich Feierabend mache. Ich hole meinen Revolver aus der Schreibtischlade und stecke ihn in mein Holster. Dann schnappe ich mir noch meine Taschenlampe und meine Schlüssel. Als ich aus dem Haus komme, bläst mir der starke Wind den Regen ins Gesicht. In den letzten Tagen hat es begonnen zu herbstln. Ich gehe hinaus ins Wetter. Ich hätte heute früh auf meine Frau hören sollen, als sie mir sagte „Du wirst sehen, heute schlägt das Wetter endgültig um, zieh besser die festen Schuhe an!“ Stattdessen spüre ich, wie sich meine Socken mit Feuchtigkeit vollsaugen, schon beim dritten Schritt. Ich stelle meinen Mantelkragen auf und kämpfe mich durch das Wetter in Richtung des alten Villenviertels, in dem das Hiller-Haus steht. Die ersten Blätter fegt es von den Bäumen und mir entgegen. Da höre ich hinter mir kurz eine Polizei-Sirene aufheulen.
Genervt verdrehe ich die Augen. „Guten Abend Jim!“ sage ich zu dem dicklichen Polizist, der gerade aus seinem Auto steigt und auf mich zu geht. „Für dich immer noch Sergeant O’reilly! Was haben wir denn da unter dem Mantel? Ich hoffe, du hast einen Ausweis für die Knarre!“ Ich nicke nur wortlos und greife zu meinem Portmonaie. Ich hätte auf meine Lehrerin, Fräulein Frink, damals hören soll als sie mir sagte „Die Polizei ist Freund und Helfer, sie verdienen unseren Respekt und Freundlichkeit.“ Stattdessen darf ich 20 Minuten lang sämtliche Ausweise vorweisen und Erklärungen abgeben, bis Sergeant O’reilly wieder bereit ist, mich in Ruhe zu lassen. Ich denke, dass hat man davon wenn man einmal im Lokalblatt ein Interview gibt und die Polizei als inkompetent bezeichnet.
Als ich endlich beim Hiller-Haus ankomme gehen gerade die Straßenlaternen an. Ich drücke die rostige Gartentür auf und spüre wie eine Gänsehaut über meinen ganzen Rücken wandert bei dem Quietschen. So im Halbdunkel blickt das Haus richtig auf mich herab. Wie ein riesiges Monument thront es über mir. Kurz zweifel ich ob ich wirklich heute noch mich hier umsehen sollte, doch die Möglichkeit diesen Fall voranzubringen ist einfach zu verführerisch. Ich trete über den Steinpfad zum Haus, das feuchte Gras, dass sich durch die Steinplatten gekämpft hat, quatscht unter meinen Füßen. Ich hole meine Taschenlampe raus und leuchte durch die halb verfallene Eingangstür ins Haus hinein. Sofort fällt mein Blick auf den staubigen Boden auf dem ich kleine Schuhabdrücke erkennen kann. Das Knarzen der Dielen hallt durchs ganze Haus als ich das erste Mal meinen Fuß innerhalb der alten Gemäuer absetze. Ich merke wie mein Atem schneller wird. Das Knarzen jetzt gerade war ich aber nicht. Oder doch? Der Lichtkegel meiner Taschenlampe wandert über vermoderte Tapetenwände, zerfallene Vorhänge und verrostete Lampen und Kerzenhalter. Abrupt hören die Schuhabdrücke auf. Ein zarter Windhauch streicht über mein Gesicht, das nass ist vom Regen und von Schweiß. Da erkenne ich kleine eingetrocknete Tropfen am Boden. Ich gehe in die Knie, rot, eindeutig Blut. Da spüre ich einen Tropfen auf meiner Schulter, kurz darauf tropft einer auf meine Hand mit der Taschenlampe. Zähflüssig, weißlich-durchsichtig. Speichel? Meine andere Hand wandert unter meinen Mantel, ich spüre den vertrauten Griff des Revolvers zwischen meinen Fingern. Ein weiterer Tropfen diesmal genau in meinem Nacken. Ich lass mich nach hinten auf den Boden fallen und blicke nach oben. Ein weit aufgerissenes Maul mit Tausend Zähnen blickt mir entgegen. Schreiend richte ich meine Pistole darauf und drücke ab und drücke ab und drücke ab und drücke ab. Das helle Klicken als der Hahn auf eine leere Klammer trifft besiegelt mein Schicksal. Ich hätte auf meine Tochter hören sollen, als sie mir heute morgen sagte: „Und dann, nach der Arbeit, Papa, da kommst du dann ganz schnell heim und dann zeige ich dir, was ich in der Schule gelernt habe!“
Jo, Street-Food-Köchin
“Zweimal die Nummer 27, einmal extra spicy, einmal normal! Und dazu M3! Alles zum Mitnehmen!” Jo zuckte zusammen. Die kleine Küche, in der sie die Speisen zubereitete, war gerade groß genug, um sich umzudrehen, aber Tante Sue brüllte jedesmal so laut, als würde sie auf dem Hauptplatz das Silvesterfeuerwerk übertönen wollen. Jo zwinkerte mit dem linken Auge, um das eben erschienene Pop-up-Fenster in ihren AR-Linsen zu speichern und griff hinter sich nach der Schüssel kleingeschnittener Zwiebel. Sie griff hinein und blickte auf das Anzeigemodul ihrer Handschuhe. 11,8 Gramm stand dort. Sie ließ zwei der Zwiebelwürfel fallen. 10,2! Besser, dachte sich Jo und schupfte den Rest der Würfel in die heiße Pfanne, in der es sofort zischte. Ein Spritzer Öl hinterher und Jo war schon wieder in ihrem Element. Sie ließ das Gemüse und die Gewürze in dem heißen Öl in der Pfanne tanzen und aktivierte mit einem kurzen Pfiff das kleine Radio, das neben ihr stand.
Wenig später schnappte sie sich zwei Behälter und schon wanderte der Inhalt der Pfanne heiß dampfend hinein. Kunstvoll warf sie die Plastikschüsseln in die Luft und fing sie gekonnt mit dem Plastiksackerl wieder auf, auf dem ein unförmiger roter Panda schlecht aufgedruckt war. Jo verdrehte die Augen, wie jedes Mal, wenn sie das hässliche Logo sah, das ihre Tante sich ausgesucht hatte. Sie selber hatte es ja versucht, als ihre Tante damit ankam, dagegen vorzugehen, aber wie so oft war ihre Tante nicht davon abzubringen.
Jo händigte der wartenden Person das Sackerl aus und wollte schon wieder in der Küche verschwinden, bevor sie einer der Gäste ansprechen würde, das versuchte sie tunlichst zu vermeiden, als sie im Augenwinkel bemerkte, dass jemand ins kleine Lokal stolperte.
Eine junge Frau schleppte einen Mann ins Lokal rein, der halb auf ihrer Schulter lag. Beide keuchten schwer, als sie sich beim ersten Tisch niederließen und durchatmeten. Jo brauchte nicht lange, um die roten Flecken zu erkennen, die sich auf der zerfetzten Jacke des Mannes gebildet hatten. Kopfschütteln ging sie auf die beiden zu und deutete mit ihrer Hand zum Ausgang. “Oh nein, ich habe keine Ahnung, was da los ist, aber ich möchte ganz sicher nichts damit zu tun haben. Raus hier!” sagte sie emotionslos und versuchte eine verscheuchende Handbewegung zu machen, so als würde sie ein paar Fliegen von ihren Zutaten vertreiben. Die Frau drückte ihre Hände auf den Bauch des Mannes und blickte Jo flehend an, während ihr das Blut durch die Finger rannte. “Bitte…wenn ihr uns rauswerft, dann finden sie uns und mein Freund, er kann in dem Zustand auch nicht laufen!” bettelte sie. “Ich weiß nicht, wer euch verfolgt und ich will es auch gar nicht wissen! Ich will damit nichts zu tun haben, raus hier, bevor ihr mich da mit reinzieht!” entgegnete Jo gnadenlos als auch schon zwei grobschlächtige Personen vor dem Lokal auftauchen auftauchten und die beiden im Lokal entdeckten. Ein Grinsen erschien auf ihren Lippen, als sich auch schon jeweils ein Gewehrlauf aus ihren mechanisch verbesserten Armen schob, die sie auf den kleinen Street-Food-Laden richteten. Jo hob beide Arme. “Ich will nichts damit zu tun haben, nehmt die beiden mit und lasst uns in Ruhe!” rief sie und versuchte einen Schritt auf die beiden zuzugehen, als sie das rote Licht in ihren Augen aufblitzen sah. “Fuck!” dachte sich Jo und griff nach dem Tisch, der hinter ihr stand. “92 Kilogramm!” zeigten ihre Handschuhe an, als sie ihn ergriff, hoch hob und den beiden Schlägertypen vor dem Lokal entgegen schmetterte. Die Glasfront zersplitterte in tausende Teile und unzählige Splitter flogen durchs Lokal, gefolgt von einem guten Dutzend Kugeln, die durch die Luft surrten und einen Teil der Gäste und des Interieurs zu Kleinholz verarbeiteten. Jo stand immer noch aufrecht, es war ein Wunder, dass sie keine der Kugeln getroffen hatte, aber der 5 cm lange Glassplitter der in ihrem Oberarm steckte, hatte wohl nicht nur Muskel zerschnitten sondern auch eine Leitung ihrer Implantate, ihr Handschuh jedenfall spielte verrückt und in ihrem linken oberen Sichtfeld tauchte dauernd eine Bestellung für “D12” auf. Selbst wenn jetzt jemand ein Lychee-Kompott bestellt hatte, hatte Jo gerade andere Probleme. Wenigstens hatten auch die anderen beide Probleme mit ihrer Hardware. Deren integrierte Gewehre schienen Ladehemmungen zu haben. Der Zusammenprall mit dem Tisch hatte anscheinend nicht gut getan. Das hatte man davon, wenn man sich seine Cybernetik bei einem Kurpfuscher holte. Jo hechtete zurück in die Küche und landete in dem Moment neben ihrem Herd am Boden, als die Ladehemmungen behoben waren und starrte direkt in Tante Sues leblose Augen. Eine der Kugeln war direkt durch ihren Hals gegangen, in ihren Händen lag immer noch das Tablett mit dem sie sonst die Bestellungen, zusätzlich zum lauten Brüllen, an Jo weitergab. Langsam tropfte Blut aus ihrem Mund auf das Tablett auf Feld “D12-Lychee-Kompott”. “Ich wollte doch nichts damit zu tun haben.” Als diese Worte verbissen flüsternd über ihre Lippen kamen, fiel ihr Blick nach oben zu der langen Magnetleiste, an der ihre Küchenmesser hingen. Als sie das Klicken der leer geschossenen Magazine hörte, sprang sie auf und schnappte sich zwei der Messer und schleuderte sie in Richtung Straße. Sie wartete gar nicht erst ab, ob sie traf, sondern warf eines nach dem anderen. Als sie nur das schwere Küchenbeil in der Hand hatte, wartete sie kurz ab. Die beiden Angreifer lagen auf dem Boden, die Messergriffe ragten aus ihnen hervor. Jo ging langsam auf die beiden zu. Sie trat hinaus aus dem Lokal und sah auf die beiden hinab. Da spürte sie den kalten metallenen Lauf einer Pistole an ihrer Schläfe. “Ich wollte doch einfach nichts damit zu tun haben. Einmal noch sah die Bestellung für das Lychee-Kompott aufploppen.
Jean-Baptiste, Kriegsversehrter
Mit einem hellen Klingen zerplatzte der Regentropfen auf Jean-Baptistes Helmkante und spritzte in Richtung Boden, wo er sich mit der Suppe verband, die sich in den letzten Stunden zu seinen Füßen gebildet hatte. Braun und matschig war sie zuerst nur einige Zentimeter hoch gewesen, aber jetzt schwappte sie mit jedem vorbei eilenden Kameraden noch ein Stück höher und umspielte schon seine Unterschenkel. Es war vielleicht erst wenige Minuten her gewesen, vielleicht auch schon eine Stunde, als die ersten Tropfen bei seinen Knöcheln eine Schwachstelle in seinen Stiefeln gefunden hatten und sich einen Weg zu seinen Socken gebahnt hatten. Seine Zehen waren inzwischen eiskalt und er spürte, wie aufgequollen seine Haut inzwischen war, wenn er sie aneinander rieb. Sein müder Blick starrte in diese kalte, nasse Brühe, als könnte er darin einen Sinn für das alles erkennen. Aber er fand keinen. Eine Erschütterung erfasste ihn und zauberte kleine verspielte Wellen auf dem Wasser. Schwer hob er seinen Blick und sah über die Erdkante drüber, die sich vor ihm erhob, als ihm auch schon die ersten Erdklumpen entgegen prasselten. Er hörte noch das Pfeifen, das sie in den Unterstand treiben sollte, aber er konnte einfach nicht mehr, und eigentlich wollte er auch nicht mehr.
“Das ist unfair, immer fängst du mich, das sage ich Mama!” Jean-Baptiste wurde aus seinen Gedanken gerissen. Die frühsommerliche Luft füllte seine Lungen, als er tief einatmete und die Erinnerungen abschüttelte. Vor ihm liefen mehrere Kinder in dem kleinen Park umher, in dem er sich gerne ein wenig niederließ und sich erholte, wenn er es so weit schaffte. Mit einem traurigen Lächeln sah er der Rasselbande beim Fangen spielen zu, die sich jedesmal so schnell wieder vertrugen, wie sie sich in die Haare kriegten. Die warme Sonne schien ihm ins Gesicht, das wäre einer dieser Momente, an dem die Zeit stehen bleiben würde, sämtliche Lasten würden für einige Augenblicke von seinen Schultern fallen und er wäre einige Atemzüge einfach nur glücklich. Aber etwas fesselte ihn im Hier und Jetzt. Jean-Baptiste spürte dieses etwas nur allzu gut. Der stechende Schmerz in seinen Beinen ließ sich nicht von Kinderlachen, nicht von Sonnenschein und auch nicht von frühsommerlicher Luft vertreiben. Der ließ sich von gar nichts vertreiben. Seit er und der Schmerz sich an diesem verregneten Tag in den Gräben der Somme gefunden hatten, seitdem war er sein ständiger Begleiter gewesen. Er war sein Begleiter gewesen, als er Etienne im Stacheldraht hinter sich lassen musste. Als er Marc hustend und spuckend an ein kleines Loch in der Gasmaske verloren hatte, war er bei ihm gewesen. Der Schmerz war immer da. Bereitwillig und schnell füllte er jede Lücke, die dieser Krieg in Jean-Baptistes Leben gerissen hatte. Und als die Granate sein Bein zerriss, als es keine Nerven mehr gab, die hätten schmerzen können, als das Fleisch nur mehr tot an seinen zersplitterten Knochen hing, auch da ließ ihn der Schmerz nicht allein. Jean blickte auf, die große Uhr am Parkrand zeigte 5 Uhr. Er strich sich über seinen Oberschenkel und griff sich seine Krücken. Mit verbissenen Gesicht hievte er sich hoch und humpelte langsam auf den Ausgang des Parks zu.
Da rempelte ihn von hinten etwas an und er stürzte. Sein Schmerzensschrei erfüllte den Park und scheuchte die Singvögel auf, die gerade um ein paar Brotkrumen stritten.
“Mo…Monsier..Es….es tut mir leid?” hörte er die ängstliche Stimme eines kleinen Mädchen in seinem Rücken. Mit der Kraft seiner Arme drehte sich Jean-Baptiste um und blickte in ein Gesicht, in dessen Augen schon das Wasser stand. “Bitte verzeiht, ich wollte das nicht!” setzte das Mädchen noch an, als auch schon die ersten Tränen die Wangen hinunterflossen. Jean hob sein verdrehtes Bein und richtete es. Dann strich er dem Mädchen tröstend über die Schulter. “Das ist doch kein Grund zum Weinen. Wenn man so schön und lustig mit seinen Freunden spielt, dann kann sowas doch schon mal passieren!” sagte er ruhig und griff nach seiner Krücke. “Du spielst ja hier oft mit deinen Freunden fangen, oder?” fragte er so fröhlich wie es das Stechen und Brennen in seinen Beinen zuließ. Das Mädchen nickte schniefend. “Ich würde ja auch gerne mal wieder fangen spielen, aber ich glaube bei euch habe ich keine Chance!” Das Mädchen musste lächeln. “Na schau, schon lächelst du schon wieder, wie die Sonne heute, hilfst du mir auf?” Das Mädchen nickte und zog mit aller Kraft an Jean-Baptistes Arm. Als er wieder stand griff er wieder in seine Tasche und holte zwei Münzen hervor. “Na dann solltest du mal los zu deinen Freunden und holt euch davon ein paar Bonbons, aber teile sie mit deinen Freunden, denn nichts ist wichtiger als gute Freunde.” “Danke Monsieur, habt ihr auch Freunde, mit denen ihr Bonbons teilt?” fragte das Mädchen neugierig. “Ja, einen Freund habe ich!” sagte Jean und drehte sich um. “Trefft ihr den auch jeden Tag?” rief ihm das kleine Mädchen noch hinterher. “Ja, jeden Tag!” sagte Jean-Baptiste leicht melancholisch.
Jean kämpfte sich die Treppen nach oben in sein kleines Apartment. Er setzte sich an den wackeligen Tisch und zog eine kleine Holzkiste zu sich. Er öffnete sie und holte den Orden heraus, der ihm verliehen worden war, nach seiner Verwundung. Wie gerne würde er dieses Stück Blech gegen ein paar Minuten ohne Schmerzen tauschen. “Wir sind wohl für immer aneinander gebunden!” sagte Jean fatalistisch grinsend und holte ein Foto heraus, das ihn und seine Kameraden an dem Tag zeigte, als sie das erste Mal in die neuen Uniformen gesteckt worden waren. Auf der Rückseite waren allzu viele Kreuze und Daten geschrieben. Jetzt war es seine Wange, von der die Tränen tropften. Er holte ein weiteres Foto raus. Sanft strich er mit dem Daumen über die Wange der darauf abgelichteten Dame. Direkt daneben lag ein Brief. Viele der Wörter waren schon verlaufen, es waren nicht die ersten Tränen, die wohl dieses Papier trafen. “…es hat leider nicht sein sollen….du wirst trotzdem immer einen besonderen Platz in meinen Erinnerungen haben…”. Jeans zittrige Hand griff erneut in die Holzkiste. “Bring den Boche Manieren bei!” seine Finger glitten über den Schriftzug, den sein Vater in den Griff des Revolvers geschnitzt hatte, bevor er damals aufgebrochen war. Sein Blick fiel auf den Orden. “Folgst du mir auch dorthin?”
Gerd, Küchenjunge
Der Schweiß rann Gerd über die heiße Stirn und hinterließ einen Film auf seiner Haut, in dem sich die Flammen spiegelten, die vor ihm in der breiten Nische loderten und die über ihr hängenden Haut bräunten bis das Fett in die Flammen tropften.
“Ich habe dir heute schon drei mal gesagt, du sollst verdammt nochmal aufpassen! Der Löffel in deiner Hand ist dazu da, um das Fett aufzufangen, bevor es ins Feuer tropft! Sonst schmeckt sowohl die Sau schlecht, als auch das gute Schmalz geht verloren!”
“Ja, tut mir leid!” antwortete Gerd schüchtern, als er auch schon die Hand des Küchenchefs am Hinterkopf spürte. “Vielleicht merkst du es dir damit!” hörte man die Stimme des Küchenchefs nochmal durch die geschäftige Küche hallen, gemeinsam mit dem Schall einer saftigen Gnackwatschen. “Und schafft mir den verdammten Winzer mit seinem Wein her, heute Abend, zum Geburtstagsfest seiner Tochter, wird ihre Majestät nicht enttäuscht werden!” brüllte der beleibte Koch weiter. Gerd drehte weiter den schweren Spieß, der samt Spanferkel über den Flammen brutzelte, als er auf einmal fürchterlich gähnen musste. Eine ungehörige Müdigkeit überkam ihn und lehnte sich nur für den Hauch eines Momentes gegen die Steinmauer.
Als er seine Augen wieder öffnete, war es dunkel. Warum brannte das Feuer nicht mehr und die Kerzen, die sonst die verrauchte Küche erhellten? Es war sogar etwas frisch, so kalt war es noch nie in der Küche gewesen. War er bei der Arbeit umgefallen und hatte man ihn zu den Ställen gebracht, wo er und die anderen Knechte sonst nächtigten? Er drehte den Kopf und merkte, wie furchtbar verspannt er im Nackenbereich war. Auch seine Arme und Beine reagierten nicht, sondern fingen erstmal an furchtbar zu kribbeln und zu jucken. Langsam gewöhnten sich seine Augen an das Dunkel im Raum. Doch, er war sich ganz sicher, das war die Küche, doch vor den zwei Fenstern wuchs irgendein Grünzeug und verdunkelte den Raum. Da hörte er auch das Stöhnen aus anderen Kehlen. “Alles ok? Kann mich wer hören?” rief Gerd ängstlich. “Was ist hier los?” doch bisschen mehr als ein wortloses Gemurmel und Aufatmen konnte er nicht verstehen. Gerd blickte seinen Körper entlang nach unten. So langsam reagierte auch sein Arm wieder. Er drückte gegen den kalten Steinboden, doch spürte er erst einmal eine weiche, wattige Schicht auf seinen Handflächen. War das etwa Staub? Aber doch nicht hier in der Küche, Sauberkeit war seinem Meister wichtig gewesen. Die ersten 5 Monate seines Dienstes hatte er nur wenig anderes gemacht als durch die Küche zu fegen. Seine Wirbel knackten, als er sich aufrichtete und sich langsam auf die Füße wuchtete. Sein Blick wand sich um zur Feuerstelle. Die Sau hing noch immer am Spieß. Auf der Unterseite war sie schwarz, komplett verkohlt, auf der Oberseite war sie von einer Schicht grün-weißen Schimmel überzogen. Er spürte eine kalte, schwere Hand auf seiner Schulter. Erschrocken drehte er sich um. “WAS IST HIER PASSIERT?” fragte ihn der Küchenchef, Spinnweben hingen ihm im Bart. “Ich habe keine Ahnung!” antwortete Gerd panisch.
Gerd blickte sich um, die Pflanzen vor den Fenstern schienen weniger geworden zu sein. Auf jeden Fall war jetzt wesentlich mehr Licht im Raum. Er schnappte sich eine Kerze und fummelte in der Tasche seiner Schürze nach einem Schwefelhölzchen und zündete sie an, dann ging er langsam aus der Küche in die Gänge und Flure des Schlosses. Überall war es dasselbe Bild. Staub soweit das Auge reicht, alle Fackeln heruntergebrannt, Spinnweben in jedem Eck und überall reckten und streckten sich Menschen wie nach einem langen Schlaf. Er eilte durch die Stockwerke, doch keiner konnte ihm eine Antwort geben. Erst als er im obersten Stockwerk zur Treppe zum höchsten Turm kam, stolzierte ihm ein junger Mann in prächtigen Kleidern die Treppe hinunter entgegen. Die eine Hand am Knauf seines Schwertes, die andere geleitete die Prinzessin die Stiegen hinunter. Sie bemerkten Gerd gar nicht, so sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt und ihrem gegenseitigen Anlächeln. Grob wurde Gerd zur Seite geschubst. “Oh, welch Freude, du hast unsere Tochter und uns alle aus unserem Schlaf gerettet.” hörte er des Königs Stimme durch den Gang hallen. “Hundert Jahre haben wir auf euch gewartet.”
Gerd verstand nicht ganz, was hier vor sich ging. Hatte der König gerade von hundert Jahren gesprochen? Gerds Gedanken rasten. Sie hatten geschlafen? Hundert Jahre? “Meine Mutter!” schoss es Gerd durch den Kopf. Er hatte ihr heute Morgen noch was zum Essen gegeben, bevor er in die Arbeit aufgebrochen war. Sie war ja auf ihn angewiesen, hatte ja sonst niemanden, der sich um sie kümmern konnte. Er drehte sich um und rannte die langen Gänge entlang, die er vorher noch vorsichtig durchkämmt hatte. Mit jedem Satz nahm er mehrere der Treppen auf einmal und brach krachend durch die morschen, vermoderten Türflügel des großen Eingangstores. Er hetzte über den Schlosshof und zwängte sich durch die verrosteten Gitterstäbe des großen Fallgatters. Vor ihm war eine riesige, dichte Dornenhecke, doch das spielte für Gerd keine Rolle. Mit geschlossenen Augen kämpfte er sich durch das Gestrüpp. Die Dornen zerkratzen seine Arme und Brust und rissen ihm die letzten Reste seines zerlöcherten Hemd vom Leib. Schwer atmend und aus vielen Kratzern blutend kam er auf der anderen Seite der Dornenwand in den dichten Wald. Seine Füße flitzten über den kalten Waldboden, immer wieder stolperte er in der Dunkelheit der Nacht über Wurzelwerk und Unterholz, als endlich die kleine Kate vor ihm auftauchte. Das Dach war eingestürzt. Mit Tränen in den Augen betrat er sein Zuhause, in dem er geboren und aufgewachsen war. Seine Augen brauchten lange, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, aber als er endlich was erkannte, wünschte er sich, sie hätten sich nie daran gewöhnt. Er blickte auf die Überreste seiner Mutter. Von ihrem Bett führte eine Schleifspur bis zur Tür des Vorratsraum. Seine Mutter hatte schon Wochen davor nicht mehr das Bett verlassen, weil sie zu schwach war, aber anscheinend hatte sie sich in ihrer Verzweiflung bis zur Tür gekämpft, die dann eine unüberwindbare Barriere darstellte. Die Tränen liefen über Gerds Wange. Unbändige Trauer überkam ihn, die erst wich, als sie der Wut Platz machte, die sich in seinen Eingeweiden ausbreitete. Gerd wusste nicht, was passiert war, aber der König hatte es gewusst, der hätte verhindern können, dass seine Mutter so elendig verhungern musste. Aber anscheinend hatte er es nicht gewollt. Gerds Mutter war es nicht wert gewesen. Voller Zorn drehte sich Gerd um und ging den Weg zurück, nicht so eilig hastend wie vorher, sondern mit einer ruhigen, unheilvollen Entschlossenheit. Halbnackt, blutend und mit Tränen im Gesicht stand er wieder vor dem Schloss. Grimmig zog er das große Fleischmesser aus seinem Gürtel. Die Klinge war rostig. “Aber zum Abstechen von einer Sau, wird es schon noch gut genug sein!” flüsterte Gerd, als er auf das rostige Gitter zu stampfte. Auf den Treppen vor der Halle saß Helene, der schlichte Verlobungsring auf ihrem Finger war ganz verfärbt, sie lehnte mit dem Kopf an der Brust des Stalljungen, der wohl versuchte im Trost eine Ablenkung von seinem Sohn zu finden, von dessen Geburt er noch heute früh allen stolz erzählt hatte. Die Tränen auf Gerds Wangen wurden immer mehr. Er betrat die große Halle, dort stand er.
Der alte König, seine Königin, in dem einen Arm, am anderen seine Tochter, vor ihnen der fesche Prinz. Lautes glückliches Lachen schallte ihm entgegen. “Natürlich dürft ihr sie heiraten, doch wo bleibt denn der Koch oder die anderen Diener. So ein Freudentag gehört doch gefeiert!” Da fiel sein Blick auf Gerd, der halbnackt und blutig in der Tür stand. Langsam, Schritt für Schritt ging Gerd ihnen entgegen, der Griff um sein Messer wurde fester. Verdutzt schauten ihn die Vier an. Nur noch ein Schritt trennte Gerd vom König, der sich zwischen ihn und seine Familie gestellt hatte. Da fiel das Messer klappernd zu Boden.
“Wenigstens für euch ist es ein Freudentag!” sagte Gerd emotionslos und ging in Richtung der Küche und ließ die königliche Familie sprachlos zurück. Er schnappte sich den Besen, der neben der kleinen Tür lehnte und begann zu fegen, während seine Tränen auf den kalten Steinboden tropften.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er auch noch heute.
Rico, Mobster
Wie in Zeitlupe glitt Ricos Blick über den Garten. Die Abendsonne schien auf die Szenerie herunter und tauchte alles in freundliches rötliches Licht und verlieh dem Abend ein wenig angenehme Spätsommerwärme. Ein Sonnenschirm lag im Gras, der Zweite trieb gleich neben Freddy im Pool. Die letzten Sonnenstrahlen spiegelten sich in den Glasscherben, die auf der Terrasse verteilt lagen, in Lacken von Martini und Prosecco. Rico lehnte sich gegen den umgeworfenen langen Holztisch und rutschte zu Boden. Sein Rücken hinterließ eine feuchte, rote Spur auf dem sündhaft teuren Mahagoni.
Schmerz zierte sein Gesicht, als er mit dem Hintern auf dem Boden aufsetzte. Die Kraft verließ seinen rechten Arm und der Griff seiner Hand um die Pistole wurde locker. Er atmete schwer, als er in seine Brusttasche fasste, um sein Handy herauszuholen. Das Display war ganz verschmiert vom Blut, das langsam aber sicher seine Kleidung tränkte. Ohne das sein Handy reagierte, fuhr er mit seinen rot gefärbten Fingern über die zersplitterte Glasscheibe. Er lächelte bitter und blickte auf Freddy, der mit dem Rücken nach oben im Wasser schwebte. “Du hast es wohl schon hinter dir, alter Freund!” murmelte er leise und versuchte sich an die Gebete zu erinnern, die ihm seine Großmutter eingebläut hatte, als er noch ein unschuldiger kleiner Junge gewesen war. Doch weiter als “der du bist im Himmel” kam er nicht. “geheiligt werde dein Namen…” hörte er da auf einmal neben sich eine helle Stimme.
Mit aller Kraft, die er noch in sich hatte, wendete er seinen Kopf und blickte in ein verbissenes Frauengesicht. Sie hockte neben ihm hinter dem schweren Holztisch und führte sein Gebet fort. Rico versuchte sich zu erinnern, woher er sie kannte, oder wer sie war. Und warum sie zwei Uzis in den Händen hielt. Aber seine Erinnerungen verschwommen und gerade die letzten Minuten waren nur ein einziges Weiß. Heute waren alle zum Grillen beim Boss eingeladen, so viel wusste er noch. Aber danach war alles irgendwie nur ein stechender Schmerz, der alles andere überdeckte. “Warst du auch zum Grillen eingeladen?” fragte Rico und hustete ein wenig. Er schmeckte Blut im Mund, lange würde er sich wahrscheinlich nicht mehr solche Fragen stellen müssen. “Ich habe mich selbst eingeladen!” hörte er sie antworten. Rico wusste, wie er jetzt hätte reagieren müssen. Anscheinend war sie es gewesen, die hier so gewütet hatte. Er müsste jetzt seine Pistole wieder fest ergreifen und Freddy und sich rächen, um seinen Boss zu beschützen. Aber ihm fehlte die Kraft.
“Schade, das hätte ein netter Abend werden können!“, sagte Rico und versuchte mehr Druck auf seine Flanke auszuüben, während das Blut durch seine Finger ran. Die Frau neben ihm lächelte nicht ob seiner Bemerkung, sondern streckte die Hand über den Tisch und drückte den Abzug, dass Rico fast das Hören verging. Als das Klingeln in seinen Ohren nachgelassen hatte, hörte er ihre Stimme. “…Schulden, deswegen musste er sterben. Und diese Rechnung wird dein dreckiger Boss bezahlen.” Tränen rannen ihre Wangen runter, während sie erneut den Abzug drückte und feuerte, bis ein Klicken ihr leer geschossenes Magazin verriet. Sie ließ sich neben Rico nieder. Es war ruhig. Zu ruhig, das wusste Rico. Hätte die Frau nicht ihr Ziel erfüllt, dann würden jetzt Kugeln in den Tisch einschlagen und er würde die wütenden Rufe seines Bosses hören, der sie herumkommandierte.
Er spürte ihre Haare an seiner Wange, als sie auf einmal ihren Kopf an seine Schulter lehnte und er sie schluchzen hörte. “Jonny, warum musstest du dich mit ihnen einlassen!” weinte sie. Rico ließ seine Brust los und sofort quoll frisches hellrotes Blut aus den Wunden. Er hob seine Hand und fasste ihre. “Jetzt habe ich nichtmal mehr dich..!” Ihr Blick fiel auf die blutige Hand, die versuchte, sie zu trösten, dann auf das Chaos, das um sie herum herrschte. “Und bin selber zu einer Mörderin geworden!” Sie begann zu hyperventilieren. “Ich bin kein bisschen besser als diese Schweine!” schrie sie schon fast. Rico zog sie zu sich, packte ihr Gesicht und zwang sie mit seiner restlichen Kraft, dass sie ihn an blickte. “ES WIRD LEICHTER, DER SCHMERZ WIRD SCHWÄCHER UND DU BIST NICHT WIE WIR, WIR HABEN SOWAS VERDIENT!” Dann spuckte er Blut, es hatte ihn alles an Kraft gekostet. Ganz ruhig sah sie ihn an, Überraschung und Dankbarkeit in ihren verheulten Augen. “Und jetzt mach, dass du hier wegkommst, wenn nicht gleich die Polente auftaucht, dann der Rest von uns.” Sie stand auf und lief auf den Gartenzaun zu. “Stimmt das?” fragte sie. Rico nickte und dachte sich: „Nein, es wird nie leichter und der Schmerz bleibt, aber ja, wir haben es verdient!”
Mary, Datenverarbeiterin
“Ja natürlich! Kein Problem! Gerne! Nein, das mache ich heute noch, überhaupt kein Problem, Frau Seidler!” Mary knallte den Telefonhörer auf die Aufhängung. Sie blickte auf die Uhr, 5 vor 5, natürlich hatte sie ihre Chefin jetzt noch angerufen und nach den Unterlagen gefragt. Und natürlich würde es ewig dauern, bis alles fertig war. Pünktlich heim gehen, konnte sie sich heute ins Wunschbuch schreiben. Sie drehte den Bildschirm ihres PCs wieder auf und loggte sich wieder ins System ein.
Zwei Stunden später schaute sie in die Chefetage, doch dort war schon alles dunkel und leer. So wichtig war es also gewesen, dass diese Daten heute noch aufgearbeitet wurden. Mary stopft die Mappe in ihre Tasche und verließ das Bürogebäude und machte sich auf den Heimweg. Ihr Bauch grummelte und sie hüpfte noch schnell ins Bistro ums Eck.
“Der Koch hat leider bei der Bestellung übersehen, dass du Laktosefrei wolltest, ist es trotzdem ok, weil sonst dauert es nochmal 30 Minuten!” sagte der Kellner verlegen lächelnd. Mary lächelte zurück. “Nein, das passt schon!” erwiderte Mary und nahm den Karton und verließ das Lokal. Im Vorbeigehen warf sie den Karton in den Mistkübel und ging die Treppen zu ihrer Wohnung hoch. Sie holte ihr Handy raus und hörte sich die Sprachnachricht an. “Hey Schatz, wegen dem Familienurlaub nächste Woche, es gab da ein Problem…” hörte sie die Stimme ihres Vaters. “Na klar, kein Problem!” tippte Mary noch, während sie aus ihrer Hose stieg und sich aufs Bett fallen ließ. Wenigstens würde morgen kein Wecker läuten, dachte sie noch, bevor ihr die Augen zufielen.
Die Sonne schien ihr ins Gesicht und weckte sie sanft. Sie stand auf und schlurfte ins Bad und nahm unmotiviert ihre Zahnbürste in die Hand. Dann warf sie die Zahnbürste ins Waschbecken und schaute sich ihr Spiegelbild an. “Es ist NICHT OK!” sagte sie. Sie spülte sich das Gesicht mit kaltem klaren Wasser. “UND ES IST VERDAMMT NOCH EINMAL EIN PROBLEM!” wütend schrie sie den Spiegel an. Schwer atmend schaute sie sich tief in die Augen. Sie fühlte Zorn und Wut. Viel zu lange hatte sie alles geschluckt. Doch da tief in ihrer Bauchgegend, da machte sich noch was ganz anderes breit. Sie konnte es noch nicht zuordnen, aber dieses Gesicht im Spiegelbild, es sah nicht mehr so aus, als würde sie es gleich zerfleischen, nein, es lächelte. “ICH MÖCHTE DAS NICHT!” skandierte sie laut. Sie schlüpfte aus ihrem zerknautschten Gewand und stieg unter die Dusche. Es war Freiheit, die sich da in ihr breit machte. Das heiß dampfende Wasser prasselte auf ihre Haut ein und brannte sich über ihre Kopfhaut hinweg. “DAS INTERESSIERT MICH NICHT” rief sie laut immer wieder, bis sich so viel Wasser in ihrem Mund gesammelt hatte und sie sich verschluckte. Hustend stieg sie auf das kleine Handtuch, das vor der Dusche lag und wischte ihre Füße trocken. Sie schnappte sich ihr Handy. “Wenn das so ist, Papa , dann fahre ich alleine weg. Bussi Baba!” tippte sie und klickte auf Senden, dann schaltete sie ihre Musik auf dem Handy ein. Sie tanzte aus dem Bad und öffnete ihren Kleiderschrank und zog sich an. Laut singend tanzte sie zum Fenster und riss es auf. “ES IST MIR WURSCHT!” brüllte sie auf die Straße hinaus.
Mit Kopfhörern in den Ohren rutschte sie das Treppengeländer herunter und verließ das Haus. Sofort bog sie um und steckte den Kopf durch die Bistro-Tür. “ICH NEHME HEUTE EINMAL WIE IMMER, UND DIESMAL LAKTOSEFREI, SONST ESSE ICH ES VOR ORT UND DIE KONSEQUENZEN DARFST DANN DU SAUBER MACHEN!” Verdutzt starrte ihr der Kellner und mehrere Gäste entgegen. Sie grinste freundlich “BUSSI BABA!” rief sie noch, da war sie auch schon zur Tür hinaus und lief weiter die Straße entlang. Es dauerte nicht lang und sie stand vor einem großen Haus. “Familie Seidler” stand in schnörkeliger Gravur in der Steinsäule neben dem Eingangstor. Im Takt der Musik, die ihre Ohren flutete, drückte sie auf den Klingelknopf. Nach einiger Zeit öffnete ihr eine junge Frau. “Die Familie feiert gerade Frau Seidlers Geburtstag, können sie später wieder kommen?” fragte sie. “Ich brauche nicht lange!” sagte Mary und schob sich an ihr vorbei in das Haus. Sie folgte dem Gesang eines Geburtstagsliedes und stand auf einmal vor einer großen Festtafel, an deren Kopf ihre Chefin saß. Gerade war die letzte Strophe verklungen und alle warteten, dass die Kerzen ausgeblasen wurden. Da räusperte sich Mary: „Entschuldigen Sie die Störung, aber ich habe die Akten endlich fertig, die Sie gestern noch so dringend gebraucht haben! Da dachte ich mir, ich bringe sie Ihnen schnell vorbei!” Alle starrten sie überrascht an und folgten Mary, die die Tafel entlang tanzte. Sie verbeugte sich vor Frau Seidler, dann ließ sie die schwere Mappe genau auf die Torte fallen. “Sie mögen ja Tortendiagramme so gerne!” Sie tänzelte zurück zum Eingang und drehte sich nochmal zur sprachlosen Gesellschaft um. “BUSSI BABA!” brüllte sie noch, bevor sie auch schon wieder auf der Straße stand. Mary atmete durch und grinste. Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche und googelte “Job Datenverarbeitung”
Torben, Rübenbauer
Mit einem dumpfen Knacken spürte Torben, wie sich sein Unterkiefer vom Rest seines Schädels löste, der sich um 927° im Kreis drehte und scheppernd zu Boden fiel. Jetzt hatte er endlich wieder seine Ruhe. Klappernd fiel er in sich zusammen.
“Papa, Papa, komm schnell! Beim Herd raucht es schon!” hörte er seinen kleinen Engel aus der Hütte rufen. Er stand auf, klopfte seine dreckigen braunen Leinenhosen ab und schob sich den Strohhut zurück in den Nacken. Dann ging er zügig auf die kleine Kate zu, aus der er weitere Rufe hörte. Er duckte sich unter dem niedrigen Türstock durch und hängte den Hut an den Haken neben die Tür. Dann musste er husten, seine Tochter hatte nicht übertrieben, er rannte zum Herd und zog den brodelnden Topf zur Seite und stieß die Fensterläden auf, damit etwas Frischluft in die verrauchte Kammer kommen konnte. “Essen ist fertig!” sagte er etwas verlegen. Kochen war wirklich nicht seine Stärke. Hinter sich hörte er das Klappern von Tonschüsseln, die seine kleine Tochter auf den Tisch stellte. Er hievte den vollen Topf auf den alten Holztisch und fuhr mit der Kelle tief in den einfachen dünnen Rübeneintopf und rührte einmal um. Dann teilte er aus. Sofort stürzte sich die Kleine auf das Essen. “Mh Papa, das schmeckt heute schon viel besser!” sagte sie glucksend. “Danke?” sagte Torben, misstrauisch und verzog seine Augenbraue ein wenig. Der kleine Schelm vor ihm würde sicher noch etwas nachsetzen. Doch sie steckte bis zu den Ohren in ihrer Schüssel und schlürfte wie eine hungrige Katze die ganze Schüssel leer. “Also Papa, dein Rauchbrand-Eintopf mit Rüben ist wirklich der Beste.” sagte sie kichernd. Torben musste grinsen, als er eine tiefe Stimme in seinem Kopf hörte…
Er spürte wie sich sein Unterkiefer über den zerkratzten Steinboden zog und am Weg zu ihm mehrere Zähne aufsammelte. Das grüne Leuchten in seinen Augenhöhlen erkannte genau, dass es nicht nur seine eigenen waren. Er wollte nicht schon wieder die Zähne von Wenzel im Mund haben, die waren viel größer als seine und dann zwickte sein Unterkiefer immer. Wenigstens war es sein eigener Oberschenkel, der sich an seine Hüfte legte. Das Hinken blieb ihm wohl diesmal erspart. Konnte dieser Anfänger nicht endlich sein Latein verbessern?
Torben schnappte sich das schartige Schwert, das neben ihm lag und klopfte mit der freien Hand auf seinen Rippen. Er drehte sich zum Eingang der dunklen Kammer um, in der er stand und sah einen Hünen vor sich stehen, über 2 Meter groß und Oberarme wie Baumstämme, das würde wenigstens schnell gehen. Er stellte sich vor die anderen und ging auf den Riesen zu. Da sah er von oben den mächtigen Hammer auf sich niedersausen. Sein Genick knackte und sein Kopf löste sich von der Wirbelsäule und landete auf seinem Brustkorb, wie ein Basketball auf einem zu kleinen Ring bei einem Jahrmarktspiel. Die enorme Pranke dieses Berserkers legte nach und haute nochmal von oben drauf, woraufhin sein Kopf durch die Rippen brach und in einem Regen aus zersplitterten, gebrochenen Knochen am Boden zu liegen kam!
“Papa, ich….werde dich schrecklich vermissen!” “Ich dich auch, aber ich will, dass du dir Mühe gibst und brav lernst. Frau Krindler ist so nett und nimmt dich auf um dir viel beizubringen, dann musst du nicht auch dein restliches Leben verbrannte Rüben essen!” sagte Torben und hielt seiner Tochter den kleinen Ranzen hin, in dem ihre wenigen Sachen eingepackt waren. “Ich hab dich lieb, Papa!“ sagte sie mit feuchten Augen und umarmte ihn schnell, bevor er ihre Tränen sehen konnte. “Ich dich auch, mein kleiner Schelm und es ist ja auch nicht weit weg, nur ein paar Stunden, da kann ich dich oft besuchen kommen, wenn die Rüben erstmal wachsen und ich nicht so viel zu tun habe.” Tapfer lächelte sie ihn an, drückte ihn noch einmal, dann schnappte sie sich den Ranzen und ging den staubigen Pfad, weg von ihrem Zuhause in ihre Zukunft. Torben stand noch lange da und blickte ihr nach, auch als sie längst hinter der nächsten Kurve verschwunden war. Erst der beißende Geruch von Rauch, der aus der Hütte kam, holte ihn in die Realität zurück, doch noch bevor er die windschiefe Holztür aufmachen konnte, hörte er wieder eine tiefe Stimme in seinem Kopf.
“Verdammt nochmal es heist vivorum corporum und nicht vivum corpus!” dachte sich Torben. Das hatte inzwischen auch er kapiert in all den Jahren. Er konnte weder Lesen noch Schreiben, aber nach 100 Versuchen hätte auch er es gecheckt. “Bringen wir es hinter uns!” dachte sich Torben und stakte mit zwei verschieden langen Beinen auf den neuen Eindringling zu. Er bückte sich, um eine der alten verrosteten Waffen aufzuheben, die am Boden lag, doch er bekam sie nicht zu fassen. Erst da bemerkte er, dass an seinem Handgelenk gar keine Hand war, sondern nur ein halber Rippenknochen und auf der anderen Seite war überhaupt kein Arm, sondern ein Kopf, der direkt an seiner Schulter dranhing. Verdutzt starrte Torben ihn an. “Hallo?” “Oh, Hallo! Ich bin Rhab, ich bin der Neue!“ hörte er eine tiefe Stimme aus dem lippenlosen Mund kommen. “Freu mich sehr, willkommen in dieser Amateur-Show, aber du wirst sehen….MOMENT bist du nicht der riesige Saftsack, der mir vorher den Brustkorb pulverisiert hat?” Diese grinsenden Zähne hatte er sofort wieder erkannt. “Ja, also…..tut mir leid?” sagte der Kopf an seiner Schulter nervös lächelnd. “Hat dir ja nicht viel gebracht, mich so zuzurichten, wenn du jetzt selber hier bist!” sagte Torben wütend. Er hatte die kleine Gestalt, die er vorher am Eingang erblickt hatte, inzwischen komplett vergessen. “Wie gesagt…tut mir leid!” sagte der Kopf. Torben näherte sich der Wand und drückte das Gesicht an seiner Schulter gegen die grob geschlagenen Steine, dann lief er die Wand entlang. Steinbrocken und Zähne fielen zu Boden. “UPSI, das tut mir jetzt aber leid, wie konnte das denn passieren.” Da biss sich der Kopf auf einmal in der Wand fest und Torben rannte selber mit vollem Karacho in die Steinwand.
“Papa? Jetzt komm schon, es warten schon alle!” Da stand seine Kleine in einem traumhaft weißen Kleid. „Ja, tut mir leid, aber du siehst einfach zu schön aus, um nicht vor Stolz und Freude ein wenig zu weinen!” sagte Torben lächelnd und nahm seine Tochter bei der Hand. Gemeinsam schritten sie durch das kleine Steinportal in die Kapelle, wo schon die anderen warteten. Langsam gingen sie durch den Mittelgang. Er drückte ihre Hand und küsste sie auf die Wange. “Ich bin so stolz auf dich, du hast wirklich nichts anbrennen lassen und was aus deinem Leben gemacht!” flüsterte er ihr ins Ohr und übergab ihre Hand, bevor er sich an den Rand stellte und die tiefe Stimme in seinem Kopf hörte.
Sein Kopf lag noch auf dem staubigen Boden, genau vor ihm die grün leuchtenden Augenhöhlen dieses Barbaren. “Hey, sind wir quitt?” fragte Torben. Torben wusste zwar nicht, wie das ohne Lippen ging, aber der Schädel vor ihm lächelte und zappelte leicht. Das war wohl ein Nicken. “Willkommen in der Ewigkeit! Man gewöhnt sich an die dauernde Wiederauferweckung! Und die kurzen Pausen, wenn man mit seinen Gedanken und Erinnerungen alleine ist, sind wunderschön! Du wirst es lieben, so wie ich! Das ist das Reawakening!”